Wie viel Steinzeit steckt noch in uns?

Wann haben Sie das letzte Mal über einen anderen Verkehrsteilnehmer geflucht, als Sie im Auto unterwegs waren? Oder sich auf der Autobahn hinter einen kleineren Wagen geklemmt, der sie gerade überholt hat – um ihm dann zu zeigen, wer hier der Schnellere ist?

In wenigen Situationen des modernen Alltags kommt der Steinzeitmensch in uns so deutlich hervor wie im Straßenverkehr – zumindest bei den Herren der Schöpfung (bei Frauen sind es eher andere Situationen). „Da das Erlegen wilder Tiere in unserer heutigen Gesellschaft den Männern nur noch sehr bedingt besonderes Ansehen einträgt, sind sie auf andere Dinge angewiesen, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren“, schreibt der Mediziner und Wissenschaftsautor Jürgen Brater in seinem Buch „Wir sind alle Neandertaler“. „Als besonders wirkungsvoll hat sich dabei das Auto erwiesen, das längst die Funktion früherer Rangabzeichen und Schmuckstücke übernommen hat.“

Die Jagd auf der Straße hat also gewissermaßen jene in der Wildnis ersetzt. Und wenn uns beim Fahren einer quer kommt, wird er beschimpft – viel wüster als wir dies von Angesicht zu Angesicht wagen würden. Auch das hat seine urzeitlichen Gründe: „Da ein Autofahrer einem anderen fast nie ins Gesicht blickt, nimmt er ihn als Angehörigen eines fremden Stammes wahr“, erklärt der Verhaltensforscher Klaus Atzwanger aus Wien. „In dieser Anonymität haben Aggressionen freie Bahn.“ Übertragbar übrigens auch auf die Anonymität des Internets, die so manchen ebenfalls zu unflätigen Kommentaren verleitet.

Es ist nicht zu leugnen: Der Steinzeitmensch steckt immer noch in uns – und in manchen Situationen kommt er zum Vorschein. Keineswegs nur in Form rüden Verhaltens, um Stärke zu demonstrieren oder andere auszustechen. Unser gesamtes Sozialverhalten trägt immer noch Züge eines steinzeitlichen Lebens in weitgehend isolierten Gruppen. Unsere Psyche ist geprägt von den Instinkten, die man als Jäger und Sammler brauchte. Und auch unser Körper ist eigentlich auf permanente Nahrungssuche eingestellt – nicht auf Büroalltag und Einkaufen im Supermarkt. Eigentlich, so sagen Anthropologen, sind wir sogar durch und durch Steinzeitmenschen geblieben, mit allenfalls leichten Anpassungen an die viel komplexere Welt, in der wir heute leben.

Seit der Mensch sich aufrichtete und so von den Affen abspaltete, haben wir an die vier Millionen Jahre als Jäger und Sammler gelebt. In nomadischen Familienverbänden von meist nur einigen Dutzend Menschen waren wir ständig auf der Suche nach Früchten und Fleisch und wegen der allseits präsenten Gefahren der Natur und durch konkurrierende Clans permanent in Sorge um unsere Sicherheit. An dieses Leben, dessen Begleitumstände über unzählige Generationen hinweg konstant blieben, hat die Evolution uns angepasst, unsere Anatomie genauso wie unser Denken und Handeln. „Sie hat uns eine körperliche Ausstattung und gewisse Verhaltensprogramme auf den Weg gegeben, die darauf ausgerichtet sind, unser Erbgut in dieser Welt weiterzugeben – und zwar jeder möglichst seins“, sagt Harald Euler, Evolutionspsychologe in Kassel.

Die Ära nach der Steinzeit, beginnend als der Mensch Ackerbau und Viehzucht erfand und sesshaft wurde, nimmt im Vergleich nur einen Wimpernschlag ein, nicht einmal 10.000 Jahre. Für effektive Anpassungen kaum genug. Allenfalls die Laktosetoleranz ließe sich anführen: Diese genetische Mutation, die für betroffene Menschen Milchprodukte verträglich macht, ist für viehhaltende Völker natürlich von enormem Vorteil, weil sie dadurch besonders leicht an energiereiche Nahrung kommen. Studien haben ergeben, dass sich diese Mutation erst seit der Sesshaftwerdung ausgebreitet hat, vorher waren alle Menschen laktoseintolerant. Und allein schon die Tatsache, dass 75 Prozent der Weltbevölkerung dies nach wie vor sind, zeigt, dass die Evolution für solche Anpassungen viel Zeit braucht. Meist zigtausende, manchmal sogar Millionen Jahre.

Heute jedoch, im Zeitalter von Überfluss, Massenmedien, Globalisierung und Digitalisierung verändern sich die Lebensumstände fortwährend. Eine Erfindung nach der anderen verbreitet sich in Windeseile und unser kollektives Wissen verdoppelt sich laut Schätzungen alle fünf bis sieben Jahre; ähnlich schnell wandeln sich Normen und Regeln. „Die zwangsläufige Folge ist“, so Jürgen Brater, „dass für die Anpassung viel zu wenig Zeit blieb.“ „Wir sind immer noch Jäger“, bestätigen die US-Anthropologen Lionel Tiger und Robin Fox in ihrem Buch „Das Herrentier – Steinzeitjäger im Spätkapitalismus“, „eingekerkerte, domestizierte, vergiftete, vermasste und verwirrte Jäger.“

Kein Wunder also, dass unser Verhalten heute in vielen Momenten unangepasst erscheint. „Evolutionäre Fallen“ nennen Experten diese Diskrepanzen. Und sie lauern nicht nur im Straßenverkehr – sondern überall.

Zum Beispiel in der Ernährung: Die Steinzeit war eine Zeit des Mangels. Unsere Vorfahren in ihrem ständigen Überlebenskampf brauchten 6500 Kilokalorien am Tag – gut doppelt so viel wie wir heute. Aber Nährstoffe wie Zucker und Fett, die diese kostbare Energie konzentriert liefern können, waren rar. Genauso Salz, wichtig, um die Verluste beim ständigen Schwitzen auszugleichen. Darum wurde jede Gelegenheit, solche Nährstoffe zu bekommen, beim Schopfe gepackt. „Dieses Programm – ‚Iss so viel Süßes, Fettiges und Salziges, wie Du kriegen kannst!‘ – läuft heute, obwohl wir alles im Überfluss haben, noch genauso ab“, erklärt Harald Euler.

Nahrungsüberfluss ist ein zu neues Phänomen, als dass die Evolution uns daran hätte bereits anpassen können. Es fehlt uns eine „mentale Fressbremse“, wie die amerikanische Evolutionspsychologin Leda Comides von der University of California es nennt. Die Folge: Übergewicht und Diabetes sind zu weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten geworden.

Auch in der Bequemlichkeit selbst, eben nicht selbst zu jagen, wenn doch längst der Pizzataxi erfunden wurde, sehen Psychologen ein evolutionäres Programm: „Unsere Vorfahren taten gut daran, keine mühsam gesammelte Energie etwa durch Sport zu verschwenden“, sagt Harald Euler. „Abseits von Mammutjagd und Beerensammeln war man daher faul. Und das sind wir eben auch heute noch gern, obwohl uns in der modernen Welt mehr Bewegung sehr gut tun würde.“

Auch der Bewegungsapparat selbst leidet darunter. „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“, heißt der Titel eines Buches, das der Wissenschaftsautor Thilo Spahl gemeinsam mit dem Mediziner Detlev Ganten schrieb: „Wir sind von Natur aus Läufer – keine Sitzer“, sagen sie. „Bis zur Erfindung des Bürojobs waren praktisch alle Menschen und alle unsere tierischen Vorfahren über hunderte von Millionen von Jahren täglich viele Stunden körperlich aktiv. Heute ist unser Körper chronisch unterfordert.“

Dadurch sind unsere Muskeln oft schlaff und verkürzt, unsere Körperhaltung lässt zu wünschen übrig, der Rücken schmerzt. Mit unseren Füßen müssten wir eigentlich unbeschuht durch die Savanne rennen, um sie zweckgemäß einzusetzen. Unser Blick sollte regelmäßig in die Ferne schweifen, um die Augen fit zu halten. Auch das Immunsystem ist unterfordert: „Unser Körper ist auf die Koexistenz mit allerlei Parasiten ausgelegt“, sagt Thilo Spahl. „Dass diese heute fehlen, weil wir in der Lage sind, uns vor ihnen zu schützen, und dass wir auch weniger mit anderen Mikroorganismen zu tun haben, stellt unser Immunsystem vor Probleme. So kommt es häufiger zu Über- und Fehlreaktionen, also Allergien und Autoimmunerkrankungen.“

Geistig dagegen überfordert uns die moderne Welt. Wir sind es gewohnt, in kleinen Gemeinschaften zu leben. Steinzeitclans hatten selten mehr als 150 Mitglieder, meist deutlich weniger. Die Gemeinschaft war übersichtlich, klar strukturiert und hierarchisiert, jeder fand darin seinen Platz und seine Aufgabe. Größere Gruppen wären ohne die Vorzüge der Landwirtschaft kaum zuverlässig zu versorgen gewesen. An fast allem herrschte Mangel, außer an Zeit.

Unser heutiges Leben dagegen ist geprägt von einem Überangebot – an Menschen, an Gütern, aber auch an Möglichkeiten – bei der Berufswahl, Freizeitgestaltung, Reiseunternehmungen oder all den wundersamen Dingen, die man mit einem Computer machen kann. Die Welt steht uns offen – aber unser Steinzeitgemüt kommt mit der Komplexität der Entscheidungen, die es zur Nutzung dieser Möglichkeiten zu treffen gilt, oft nicht zurecht. Schon wenn im Supermarktregal 20 Sorten Marmelade zur Wahl stehen, gehen Kunden häufiger ohne Marmelade nach Hause, als wenn es nur eine gibt – das haben Studien gezeigt.

So komme es, sagt Jürgen Brater, dass viele Menschen insbesondere in der Stadt entsprechend überschaubare Gemeinschaften suchen: Vereine, Freundeskreise, Interessenverbände. Größer ausfallende Gruppen – Armeen oder Großunternehmen etwa – werden in der Regel in kleinere Einheiten aufgeteilt, sonst verlieren die Verantwortlichen leicht den Überblick und es drohen vermehrt Konflikte.

Für manche aber führt die Masse der Menschen, mit denen sie sich nicht solidarisieren können, und die Angst, unter den vielen Möglichkeiten nicht die richtige zu wählen, auch zu Einsamkeit und Frust. Im Extremfall zu Depressionen, die daher ebenfalls als Zivilisationskrankheit gelten. „Vermutlich hat es Depressionen in der Steinzeit noch nicht gegeben“, sagt Harald Euler.

Besonders relevant ist das bei der Partnersuche: „Wir stehen dort nicht mehr nur mit Menschen im Wettbewerb, die wir persönlich kennen“, sagt die Evolutionsmedizinerin Luzie Verbeek vom Robert-Koch-Institut in Berlin. „Der Wettbewerb ist praktisch globalisiert worden.“ Der uralte Drang, seine Vorzüge hervorzuheben, nimmt daher teils groteske Züge an. Anders ist die Selbstdarstellungswut mancher Menschen etwa im Internet kaum zu erklären. „Je globalisierter der Wettbewerb abläuft, umso unüberschaubarer wird er und umso schwieriger wird es nicht nur, die eigenen Stärken herauszuheben, sondern auch, sie überhaupt zu erkennen“, so Verbeek. Das führe zu erheblich mehr Konkurrenzdruck als in der Urzeit und zwangsläufig zu Identitätskrisen.

Gleichzeitig ist das Urprogramm am Werk, zu nehmen, was man kriegen kann: „Für einen Mann in einer Steinzeitgemeinschaft waren die Gelegenheiten rar, eine Frau zu finden, die das richtige Alter hatte, alle nötigen Fähigkeiten mitbrachte und auch noch zu haben war“, sagt Harald Euler. „Darum tat er gut daran, eine Chance nicht zu vergeben.“ Die Frau dagegen, die, weil sie das Kind austragen und sich in Abwesenheit des jagenden Mannes hauptsächlich um die Aufzucht kümmern musste, war wählerisch. Sie hatte bei einem Fehlgriff deutlich mehr zu verlieren als der Mann, der theoretisch gleich die nächste schwängern konnte, um seine Gene weiterzugeben. „Umfragen belegen eindeutig“, so Euler, „dass Männer viel häufiger bereuen, sexuelle Gelegenheiten ausgelassen zu haben, während Frauen es bereuen, sich darauf eingelassen zu haben.“

Und so sei der Mann evolutionär darauf programmiert, sich bei einer Frau, die gewisse Signale der Bereitschaft sendet, sofort zu erregen und an sie heranzumachen. So erklären Evolutionsbiologen auch Pornographie und Prostitution: Beides wird in überwältigender Mehrheit von Männern genutzt, um ihre überbordende Lust in einer Welt voller Gelegenheiten auszuleben. Und das, obwohl sie sich natürlich dessen bewusst sind, dass sie durch Masturbation oder im Bordell keinen Nachwuchs zeugen. „Das Programm sagt uns nicht, dass wir unsere Gene weitergeben sollen“, erklärt Euler. „Es sagt uns nur, welches Verhalten dazu dient, und belohnt es mit Befriedigung. Samenbanken, die heutzutage den viel einfacheren – und vor allem kostengünstigeren – Weg darstellen, als Mann tatsächlich seine Gene weiterzugeben, sind der Evolution unbekannt. Daher verschafft ihre Nutzung auch keine Befriedigung.“

Eine weitere evolutionäre Falle mit großer gesellschaftlicher Bedeutung bezeichnen Psychologen als „Ankereffekt“. Zur Veranschaulichung erzählen Eingeweihte gern folgenden Witz: Sind zwei Psychologen in der Savanne. Taucht am Horizont ein Löwe auf. Sagt der eine: ‚Ich zieh mal lieber meine schweren Wanderschuhe aus und die Sportschuhe an.‘ Fragt der andere: ‚Glaubst Du, so bist Du schneller als der Löwe?‘ ‚Nein‘, sagt der andere, „aber schneller als Du!‘“ Will heißen: In der Steinzeitgesellschaft ging es vor allem um den relativen Vorteil. Und so vergleichen wir uns auch heute noch vor allem mit dem Nachbarn, Kollegen, Klassenkameraden und versuchen, diesen zu übertrumpfen – nicht den Weltmeister.

Es gibt viele Studien, die zum Beispiel eine Gruppe Probanden fragen, ob in einem Glas mehr oder weniger als 1000 Bohnen stecken und wie viele genau. Eine zweite Gruppe wird beim selben Glas mit denselben Bohnen gefragt, ob es mehr oder weniger als 500 seien. Die erste Gruppe nennt dann immer ganz klar mehr Bohnen als die zweite. Wir orientieren unsere Schätzung also an der Vorgabe. Und dieses Phänomen ist genauso bei Aktienprognosen festzustellen, egal ob man Laien oder professionelle Börsenanalysten fragt. Selbst wenn die Mengenvorgabe ganz offensichtlich rein zufällig, etwa per Glücksrad, ermittelt wird, orientieren sich die Befragten daran.

Dieser Ankereffekt spielt in der Wirtschaft eine enorme Rolle, das gesamte Preismarketing basiert darauf: Wenn mir versprochen wird, dass ich 20 Prozent weniger bezahle als der eigentliche Preis, erweckt das in mir das Gefühl, ein Schnäppchen zu machen – ein kleiner Sieg über all jene, die den normalen Preis bezahlt haben. Im Ankereffekt liegt der Sinn von Listenpreisen, die im Verkauf dann weit unterboten werden. Die Wirtschaft macht sich unsere urzeitlichen Denkmuster also zunutze.

Es gibt noch unzählige weitere Beispiele für evolutionäre Fallen. Allein die vielen Urängste, die uns plagen: Viele haben Furcht vor Spinnen, Schlangen, zahnbewehrten Tieren, Phobien vor Höhe oder engen Räumen sind ebenfalls verbreitet. „Aber vor Autos oder Elektrizität, die heute eine viel größere Gefahr für unser Leben darstellen, fürchten wir uns nicht“, sagt der Kulturwissenschaftler und Horrorexperte Mathias Clasen von der dänischen Universität Arhus. Unsere Risikowahrnehmung ist durch die Massenmedien total verzerrt: Berichte von Flugzeugabstürzen oder Amokläufen am anderen Ende der Welt suggerieren uns unmittelbare Gefahren, einfach, weil wir unser überschaubares Steinzeitumfeld gewohnt sind, in dem solche Berichte tatsächlich Gefahr bedeuteten.

Auch Fremdenfeindlichkeit und Mobbing lässt sich evolutionär interpretieren, nämlich als unsere natürliche Ablehnung gegenüber Vertretern fremder Clans oder Andersartigen, die womöglich Unruhe in die eigenen Reihen bringen, feindliche Absichten hegen oder sogar Krankheiten einschleppen. Unsere kriegerische Ader insgesamt ginge demnach auf die Steinzeit zurück: „Unser mitunter aggressives Verhalten war über Jahrhunderttausende hinweg lebenserhaltend“, sagt der Münchener Evolutionsbiologe Josef Reichholf.

Bei all den plausiblen evolutionären Erklärungen für unangepasstes Verhalten in der Moderne muss man allerdings vorsichtig sein: Sicherlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Evolution dem technischen Forstschritt weit hinterherhinkt. Wir haben uns eine Umgebung mit Megacities, Fast Food und Computerarbeit gebaut, die uns nicht immer gut tut, weil noch so viel Steinzeit in uns steckt. Aber viele Verhaltensmuster sind auch anders zu erklären – die wenigsten Thesen der Evolutionspsychologie lassen sich eindeutig beweisen.

Und schon gar nicht sollte unser archaisches Erbe dazu dienen, Fehlverhalten zu rechtfertigen: „Natürlich hat alles, was wir Menschen tun, eine biologische Grundlage“, sagt der Hamburger Soziologe und Sexualforscher Gunther Schmidt. „Aber das Besondere an uns ist, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad davon befreit haben. Während bei Tieren zum Beispiel die Reproduktion über Instinkte genau festgeschrieben ist, können wir Menschen auf Reize ganz unterschiedlich reagieren, unsere Programme sind sozusagen sehr flexibel und können die Hardware auf unterschiedlichste Weise überschreiben. Und der Programmierer ist die Kultur.“

Mit anderen Worten: Gesellschaft und Vernunft haben uns gelehrt, die Urtriebe im Zaum zu halten oder gemäß moderner Werte und Normen zu kanalisieren. Die Evolutionsbiologie ist keine Entschuldigung für Verkehrsrowdys oder Fremdgänger: „Wir sind durchaus in der Lage“, schreibt auch Jürgen Brater, „uns über unsere alten charakterlichen Schwächen hinwegzusetzen.“

 

Kasten:

Es steckt auch Neandertaler in uns

Neandertaler und Steinzeitmensch sind nicht das Gleiche. Die Neandertaler gehörten zu einer anderen Spezies Mensch, die im steinzeitlichen Europa viele tausend Jahre parallel zu unseren unmittelbaren Vorfahren lebte – und dann vor rund 35.000 Jahren ausstarb. Und doch stecken nicht nur die Gene von Homo sapiens in uns. Eine internationale Forschergruppe um den Paläogenetiker Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat das Genom des Neandertalers in jahrelanger Arbeit analysiert. Und durch Vergleiche festgestellt: Ein bis zwei Prozent der Gene eines Europäers heute stammen tatsächlich vom Neandertaler. Die beiden Menschenarten müssen sich damals nicht nur bekämpft, sondern auch vermischt haben.

Die Charakterisierung der Gene läuft noch. Doch es sieht so aus, als habe Homo sapiens damals quasi vorteilhafte Gene des Neandertalers in sein Genom eingebaut und so eine evolutionäre Abkürzung genommen, anstatt sich selbst über Jahrtausende anzupassen. Zu den Neandertalergenen in uns gehören etwa Informationen über Keratin, ein Eiweiß, das in Haut, Haaren und Nägeln steckt. Neandertaler hatten dickere, an die Kälte Europas angepasste Haut, als unsere aus Afrika kommenden Vorfahren.

Doch auch dieser „Genklau“ zeigt in der modernen Welt mitunter seine Kehrseite: Eine Neandertaler-Genvariante, die damals in Hungerphasen hilfreich war, ist heute mit erhöhtem Diabetes-Risiko verbunden. Ein Gen, das für verstärkte Blutgerinnung sorgt – von Vorteil in einer Zeit ohne Wundverbände –, erhöht heute im Alter das Risiko für Infarkte.

1,1 Mrd. Bausteine des Neandertaler-Erbguts haben insgesamt überlebt, die Hälfte des Genoms, das man von einem Neandertaler aus dem Altai-Gebirge analysiert hat. Doch keiner dieser Bausteine ist so bedeutsam, dass er bei jedem Europäer auftauchen würde. Jeder trägt also ein anderes Stück Neandertaler in sich.

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