Leben hinter Glas gebannt

Dioramen faszinieren Menschen jeden Alters mit ihrer ganz eigenen Mischung aus echtem Leben und konservierter Natur. Ausstellungsmacher entdecken den Wert der musealen Schaukästen wieder. Besser als viele moderne, interaktive Angebote bringen sie uns Biologie und Ökologie nahe – das vermeintlich Alte ermöglicht neue Blicke auf die Welt. Text: Tania Greiner

Ende Juli öffnet das Hessische Landesmuseum in Darmstadt nach einer umfassenden Restaurierung seine Pforten. Besucher können dann einen ganz besonderen Schatz bestaunen. Insgesamt zehn Großdioramen präsentieren die Kuratoren im Ausstellungshaus. Die prächtigen dreidimensionalen Schaukästen sind europaweit eine Rarität. Kein anderes Museum besitzt noch solche Originale vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Die meisten Präparate darin sind über 130 Jahre alt. Großherzog Ludwig I. von Hessen persönlich sorgte mit seiner Jagdbüchse dafür, dass auch die heimische Tierwelt nahezu komplett zu bestaunen war.

Die Schaukästen, die eine bunte Tierwelt und die Fülle des Lebens präsentieren, sind Zeugen einer vergangenen Zeit, in der sich der Blick des Menschen auf die Natur grundlegend veränderte. Diese neue Perspektive zeigte sich deutlich in der Gestaltung von Museen. Dioramen kamen in Mode. Galten sie zwischenzeitlich als hoffnungslos antiquiert, entdecken Museumspädagogen heute ihren ganz besonderen Charme – und ihren Wert für die Bildung. In Darmstadt investierten die Restauratoren und eine Dioramen-Malerin deshalb auch drei Jahre in die Wiederherstellung der zehn Schaukästen des Hessischen Landesmuseums. Dazu wurden die Mitarbeiter zunächst zu Kammerjägern. Sie stecken die Tierpräparate mehrmals in riesige Tiefkühlcontainer, um Schädlinge zuverlässig zu töten, anschließend saugen sie die Tiere gründlich ab, kleben gebrochene Zehen an, setzen neue Federn ein oder modellieren Zähne oder Krallen nach. Die leer geräumten Dioramen betreten die Restauratoren anfangs nur mit Ganzkörperanzug und Frischlufthelm. Zunächst müssen sie die Gifte Lindan und Arsen entfernen, die man noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zur Schädlingsbekämpfung einsetzte. Erst dann können sie die Wandrisse oder Schäden in der Landschaft ausbessern. Schließlich frischt eine Malerin die Hintergrundkulissen originalgetreu auf.

Nach dieser aufwendigen Prozedur erstrahlen die Dioramen in neuem Glanz – und werden sicher auch ein Strahlen auf die Gesichter der Besucher zaubern. Dioramen entfalten eine eigentümliche Sogwirkung auf ihre Betrachter und sorgen für Emotionen. Das erfuhr auch Ulrich Joger, Direktor des Staatlichen Naturhistorischen Museums Braunschweig. Als er 2011 plante, vier der 18 Dioramen in seinem Museum aus Brandschutzgründen zu entfernen, entfesselte er einen wahren Proteststurm. Heute sind an anderer Stelle nur noch die Tierpräparate zu besichtigen. „Dem Museum wird die Seele herausgerissen“, beklagten viele Besucher. „Herzloser Dioramen-Zerstörer“, schimpften manche Gäste. Uwe Moldrzyk, Ausstellungsleiter des Museums für Naturkunde in Berlin, begründete die Entscheidung im Rahmen einer öffentlichen Expertenrunde, die man dazu in Braunschweig organisiert hatte, so: „Dioramen sind heute nicht mehr unbedingt zeitgemäß. Es gibt längst andere Möglichkeiten, den Menschen die Natur näherzubringen.“
Das sehen Museumsbesucher – nicht nur in Braunschweig – ganz anders. Ihre Herzen hängen an den alten, nicht selten verstaubten Schauräumen, die dem Betrachter die Welt da draußen manchmal mehr, manchmal weniger perfekt vorgaukeln. Kinder drücken sich an den leuchtenden Schaukästen ihre Nasen platt. Sie staunen über die Szenen aus dem Leben der Tiere, die so wirken als wären sie mitten in ihrem bewegten Alltag – beim Jagen, Fressen, Balzen – erstarrt.

Da recken zwei Kraniche ihre Hälse zum Trompetenrufen steil in die Luft. Der Museumsbesucher wird Zeuge ihres Balztanzes, ein Schauspiel, das man in der Natur selten sieht. Ein Leopard klettert, die Zähne tief in die Kehle einer Antilope gerammt, einen Baum empor, das tote Tier im Schlepptau, um es oben geschützt vor Nahrungskonkurrenten zu verzehren. Bis ins kleinste Detail ist die Illusion des natürlichen Lebensraums arrangiert: Der sandige Savannenboden mit Bäumen und Gräsern ist kunstvoll präpariert, die Sumpfwiesenlandschaft der Kraniche geht nahtlos in einen konsequent perspektivisch gemalten Hintergrund über. Er lässt den Blick in die Ferne schweifen. Mit ausgefeilten Tricks wird Natur inszeniert: Versteckte Effektleuchten an der Decke sorgen für eine bestimmte Stimmung oder heben Einzelheiten hervor. Die Objekte arrangiert der Dioramen-Gestalter so, dass sie von der Glasscheibe bis zur Hintergrund-Malerei stetig kleiner werden. So entsteht auf engstem Raum der Eindruck von räumlicher Tiefe. Und wir, die Betrachter, stehen scheinbar mittendrin. Darum faszinieren die Dioramen so viele Menschen. „Es ist, als würde man in eine Märchenwelt eintauchen“, sagt Wolfgang Mothes. Der Fotograf tourte in den vergangenen Jahren durch Deutschland und hat viele Naturkundemuseen besucht. Vornehmlich montags, wenn in deutschen Ausstellungen meist Ruhetag ist, baute er Stativ und Kamera vor den großen Schauräumen auf. Und dann begann die Tüftelei, denn bis die dreidimensionale Illusion endlich perfekt auf ein Foto gebannt war, vergingen manchmal Stunden.

Auch Mothes ist, wie schon die ersten Dioramen-Gestalter des frühen 20. Jahrhunderts, ein Meister der Täuschung. Seine Kamera ist stets auf die Tiere fokussiert, im Bildbearbeitungsprogramm legt er mehrere Bildebenen an, um eine optimale Tiefenstaffelung zu erzielen. Auf einer Ebene stellt er die Tiere frei, erhöht ihren Kontrast, ihre Sättigung und Feinstruktur, auf bis zu vier weiteren Ebenen zeichnet er den Hintergrund langsam abgestuft immer weicher. Am Ende werden die Ebenen einfach übereinander gelegt, das Tier tritt plastisch aus seiner Umgebung hervor und vor den Augen des Betrachters entfaltet sich eine gemäldeartige Kulisse aus dem Leben der Tiere, eine stellenweise fast märchenhaft wirkende Hommage an diese bedeutende Kunst der Naturinszenierung.

Beliebt ist diese Darstellungsform seit den 20er-Jahren. Kein Wunder. Bis zum Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert präsentierten sich öffentliche Schausammlungen äußerst sachlich. Die hohen Vitrinen, gefüllt mit ausgestopften, ordentlich neben- und übereinander aufgereihten Tieren, folgten streng dem Prinzip der taxonomischen Ordnung. Man stellte zur Schau wie die Tiere miteinander verwandt sind – mehr interessierte nicht. Die Taxonomie steht im Zentrum naturwissenschaftlicher Forschung. So sieht ein Gelehrter dieser Zeit seine Aufgabe vor allem darin, das System Natur lückenlos zu erforschen und zu kategorisieren, ein Wissenschaftsverständnis, das sich natürlich auch in den naturwissenschaftlichen Ausstellungshäusern des 19. Jahrhunderts niederschlägt. Alles steht systematisch in Reih und Glied. Zur Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts bringen Alfred Russel Wallace und Charles Darwin viel Bewegung in diese sehr statische Biologie. Die Lehre zur Entstehung und Veränderung der Arten rückt neue Fragen in den Mittelpunkt: Wo und wie leben welche Tiere auf der Welt? Wie unterscheiden sie sich voneinander? Wie haben sie sich an die unterschiedlichen Lebensräume angepasst?

Fragen, die „Unordnung“ in die Schauräume bringen. Im Jahr 1909 tummeln sich im neu erbauten Hessischen Landesmuseum in Darmstadt auf einer Fläche von 25 Quadratmetern allein 200 Tiere von 169 unterschiedlichen Arten. Es sind Tiere, die in Südamerika heimisch sind. Drei weitere 3D-Schauräume zeigen Bewohner der äthiopischen, orientalischen und australischen Region. Insgesamt 1000 Tiere bekommen die Besucher damals dort zu sehen. Eng auf einem Fleck drängen sich Nilpferd, Vogelstrauß und Hyäne, auf einer aus Pappmaché geformten Felsformation liegt eine Löwin, Paviane klettern über ihr umher. Die Szenerie wirkt noch wenig lebensnah, dagegen ist die Körperhaltung der Tiere sehr authentisch nachgebildet. Kein Tier steht steif und aufrecht oder blickt starr gerade aus, wie es bislang in den systematischen Schausammlungen üblich war. Nach und nach erobert eine lebensnahe Darstellung von Tieren die naturkundlichen Museen des späten 19. Jahrhunderts. Kleine und große Vitrinen, die von allen vier Seiten zu besichtigen sind, werden zu Bühnen für spektakuläre Aufführungen. Eine Vogelmutter füttert ihre Jungen im Nest, zwei Hirsche, die Geweihe frontal aneinander gedrückt, messen ihre Kräfte, ein Löwe macht sich über den Kadaver eines Zebras her – Motive, die beim Publikum gut ankommen. Daneben verblassen die systematischen Tierreihen hinter Glas, die in anthropozentrischer Manier die Entwicklung von einfachen zu höher organisierten Lebensformen verdeutlichen. Stattdessen rückt das Zusammenleben der Tiere in den Vordergrund. Und schließlich wandert sogar ihr Lebensraum ins Museum. Das mit Hintergrundbild und detailreich gestaltetem Vordergrund ausgestattete Diorama setzt das Tier erstmals in Beziehung zu seiner Umwelt. „Was wir in den Museen der wilhelminischen Kaiserzeit erleben, ist eine Art biologische Wende“, sagt Susanne Köstering. Die Historikerin hat den Wandel, der sich um 1900 in den deutschen Naturkundemuseen vollzieht, in ihrer Doktorarbeit untersucht. Seit dieser Epoche bedeutet Biologie, das Leben der Tiere im Wechselspiel mit ihrer Umwelt zu beobachten und zu verstehen. „Das Gezeigte ist jedoch so gut wie nie frei von gesellschaftlichen Entwicklungen“, so Köstering. So spiegeln sich die Geschlechterbilder des Bürgertums in den Inszenierungen des Tierlebens: eine Füchsin im Bau kümmert sich um ihren Nachwuchs, der Fuchs pirscht sich, auf der Jagd nach Beute für seine Schützlinge, an eine Feldmaus heran. Mutter macht Hausarbeit, Vater sorgt für den Familienunterhalt – die klassischen Rollen einer bürgerlichen Familie der Kaiserzeit. Später werden die szenischen Darstellungen im Museum zur Projektionsfläche kultureller Identität: Tiere und ihre Habitate werden zu Naturdenkmälern der deutschen Heimat stilisiert. Die Dioramen-Macher reproduzieren vermeintlich typische Landschaftsbilder wie den Biber und seinen Bau in einer Elbaue. Kein Schiff und keine Siedlung stören den Blick in das Idyll. Der Alpensteinbock stellt sich stolz vor einem prächtigen Bergpanorama zur Schau. Auch er gänzlich unbedroht von der damals rasant wachsenden Industrie. Es sind oftmals stereotype Sehnsuchtsorte unberührter Natur – kein Wort davon, dass der Mensch die Lebensräume dieser Tiere zerstört oder sie zu intensiv gejagt hat.
Ist das heute noch zeitgemäß? „Gut gemachte Dioramen erzeugen Emotionen, ein Effekt, der für das Lernen von enormer Bedeutung ist“, sagt Annette Scheersoi, Professorin für die Fachdidaktik der Biologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Die Wissenschaftlerin hat eine Studie geleitet, die verdeutlichen sollte, wie Menschen auf Dioramen reagieren. Dabei zeigte sich: Gerade ältere Museumsbesucher werden häufig melancholisch, wenn sie in vergangene Landschaften eintauchen. „Sie haben dann häufig das Gefühl, dem Biber oder Hamster, der draußen in der Natur heute kaum noch anzutreffen ist, begegnet zu sein“, so Scheersoi.

Aber auch jüngere Menschen äußerten Betroffenheit, vor allem, wenn die Ausstellung das Gezeigte einordne und kommentiere. „Dioramen vermitteln sehr viel ökologisches Wissen“, sagt Scheersoi. Lange war das „Hands-on“, also möglichst interaktiv und multimedial gestaltete Wissensausstellungen, das zentrale Leitbild der internationalen Museumslandschaft. Dioramen galten als altmodisch. „Doch das ändert sich gerade“, sagt Scheersoi. „Viele haben begriffen, dass beim ‚Hands-on’ das ‚Minds-on’ teilweise völlig hinten runterfällt.“ Das heißt, beim Besucher bleibt nicht unbedingt immer etwas hängen, wenn er Knöpfe drückt. Und so besinnt man sich – zur Freude der Besucher – auf den museumspädagogischen Wert der alten Ausstellungsform. Das geht sogar so weit, dass Museumsdirektoren in Ländern, die keine Dioramen-Tradition haben, darüber nachdenken, die Schauräume neu in ihre Häuser zu implementieren. „In Deutschland passiert das jedoch nicht. Zu teuer und viel zu aufwendig“, sagt Scheersoi. Wo aber eine Neugestaltung anstehe, werde fast immer versucht, kulturhistorisch wertvolle Dioramen zu erhalten. Das lässt hoffen, dass sich noch viele Generationen von Kindern die Nase an deren Scheiben platt drücken werden, um mit leuchtenden Augen auf die perfekte Illusion hinter Glas zu blicken.

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