Das trickreiche Treiben der Tiere

Beim nächsten Zoobesuch sollten Sie mal bei den Tapiren vorbeischauen. Vielleicht haben Sie Glück und erleben den eindrucksvollen Paarungsakt dieser Tiere, die wie eine eigentümliche Mischung aus Pferd, Schwein und Elefant anmuten.

 

Da wird jeder Pornostar neidisch: Der männliche Tapir hat im Verhältnis zu seiner Körpergröße (die etwa der eines kleinen Ponys entspricht) einen der längsten Penisse im Tierreich: ein guter halber Meter im erigierten Zustand. Damit ist er äußerst geschickt. Die Penisspitze ist so geformt, dass sie sich ähnlich wie der Rüssel eines Elefanten auch als Greifwerkzeug einsetzen lässt. Das ist unheimlich praktisch, um sich an Bauch oder Rücken zu kratzen – und eben auch beim Besteigen des Weibchens. Vorher drehen sich die Tiere keuchend und pfeifend im Kreis, beschnuppern einander die Geschlechtsteile, beißen sich in Ohren, Füße und Flanken. Das Männchen verspritzt jede Menge Urin, greift sich schließlich das Weibchen und dringt ein – so weit, dass sein Sperma direkt in der Gebärmutter landet. So müssen die Spermien nicht erst den verlustreichen Weg durch Vaginaltrakt und Gebärmutterhals zurücklegen, um die Eizelle zu erreichen.

 

Ob auch das Weibchen etwas von der Penislänge hat, erscheint zweifelhaft. Jedenfalls wird es nach der Paarung häufig aggressiv und verjagt das Männchen – Frauen können das sicher nachvollziehen.

 

Wem schon der Akt der Tapire allzu unromantisch vorkommt, der sollte besser nicht weiterlesen. Sex hat bei Tieren selten mit Romantik oder gar ewiger Liebe zu tun. „In der Tierwelt sind Täuschung, Manipulation und sexuelle Gewalt die Regel“, schreibt die kanadische Populationsökologin Carin Bondar in ihrem Buch Wilder Sex – das Liebesleben der Tiere. Da wird betrogen, dass sich die Balken biegen, das andere Geschlecht mit List und Tücke zum Sex bewegt, manchmal werden Weibchen regelrecht aufgespießt, umgekehrt Männchen ratzekahl aufgefressen. Auch Selbstbefriedigung und Homosexualität sind gang und gäbe. Moralwächter jedenfalls dürften an den sexuellen Gepflogenheiten im Tierreich verzweifeln.

 

Evolutionsbiologen sehen das nüchterner. Im Grunde gehe es beiden Geschlechtern darum, die eigenen Gene zu verbreiten. „Wer mehr überlebensfähigen Nachwuchs hervorbringt, setzt sich im Dasein durch“, schreibt der Wissenschaftsjournalist und ehemalige natur-Redakteur Michael Miersch in seinem Buch Das bizarre Sexualleben der Tiere. Die Krux liegt darin, dass Weibchen und Männchen dabei verschiedene Strategien haben – was wiederum daher rührt, dass sie unterschiedlich viel Energie in die Aufzucht der Jungen investieren.

 

In der Regel ist es so, dass Weibchen – bedingt durch ihren Fruchtbarkeitszyklus – im Laufe ihres Lebens relativ wenige Gelegenheiten für Nachwuchs haben. Zumal sie ihn meist selbst austragen, gebären und aufziehen müssen. Die Männchen dagegen belassen es häufig beim Zeugungsakt, den sie beliebig oft und jederzeit durchführen können. Der Rest interessiert sie meist herzlich wenig. Anders ausgedrückt: Sperma gibt es reichlich und günstig, Eizellen sind selten und teuer. Männchen begatten alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, Weibchen sind wählerisch und wollen für ihre Eizellen nur das beste Sperma, damit die wenigen Kinder, die sie bekommen können, die besten Chancen zum Überleben haben. Und beide greifen zu den unterschiedlichsten Mitteln, um sich durchzusetzen.

 

So jedenfalls lautet das Grundkonzept der sexuellen Strategien. „Das Schöne an der Biologie aber ist ja“, sagt Carin Bondar, „dass es zu jeder Regel Ausnahmen gibt“. Zumal die Lebensumstände überall andere sind und die Tiere sich anpassen müssen. So bietet das Liebesleben der Tiere eine kuriose Vielfalt von Verhaltensweisen und Praktiken. Die meisten lassen sich mit dem Drang zur bestmöglichen Verbreitung der Gene erklären. Manche aber auch nicht.

 

Starten wir mit dem Thema Treue: Es gibt durchaus Tierpärchen, die ein Leben lang zusammenbleiben. Bei Vögeln kommt das recht häufig vor, über 90 Prozent der Arten leben monogam – vermutlich, weil sich bei ihnen (wie bei Menschen im Regelfall auch) meist beide Partner um die Aufzucht der Jungen kümmern. Albatrosse zum Beispiel sind hoffnungslos romantisch: Haben Männchen und Weibchen einander auserkoren, so tröten sie einen gar lieblichen Minnegesang, tanzen miteinander und schnäbeln ein wenig, um dann aber ihre Heimatinsel getrennt voneinander zu verlassen. Die meiste Zeit verbringen sie allein in der Luft, nur einmal im Jahr treffen sie sich, schnäbeln wieder ein wenig und putzen einander das Gefieder. Zum ersten Sex kommt es erst nach rund vier Jahren. Dann begegnen sie einander mit ausdrucksstarken Balzgesängen und -tänzen, recken die Hälse, klappern und knabbern mit den Schnäbeln. Am Ende erfolgt der Geschlechtsakt. Nicht alle, aber manche Albatrospaare bleiben ein Leben lang zusammen. Treue ist bei ihnen wichtig: Denn pro Brutperiode ziehen sie ein einziges Küken auf, für dessen Versorgung weite Jagdausflüge nötig sind. Da braucht es ein eingespieltes Team, das sich aufeinander verlassen kann. Ähnlich sieht es bei vielen Pinguinarten aus.

 

Bei Blaumeisen indes gestaltet sich das mit der Treue schon anders: Sie leben zwar auch monogam, aber nur sozial. Das heißt, sexuelle Untreue kommt durchaus vor – ja, ist sogar die Regel: 90 Prozent der Bruten in einem Nest enthalten Kuckuckskinder. Unter Säugetieren kommen Seitensprünge noch häufiger vor, meist gibt es gar keine feste Paarbindung: Nur drei bis fünf Prozent der Arten leben monogam. Absolute – also auch sexuelle – Treue haben Forscher sogar nur bei fünf Arten feststellen können. Oder besser: Bei allen außer diesen hat sich durch moderne Gentests herausgestellt, dass da heimlich außerehelich geschnackselt wird. Der Mensch ist unter den Säugetieren also eher die Ausnahme (mehr oder weniger).

 

Deutlich konsequenter erscheint da etwa der Südliche Rotkehl-Nachtaffe (Aotus azarae), der in den Wäldern Südamerikas lebt. Eine britische Untersuchung an 17 Elternpaaren mit Vaterschaftstests von 35 Jungtieren ergab 2014, dass tatsächlich jedes vom zugehörigen Vater abstammte. Zudem haben die Forscher in 16 Jahren, die sie die Elterntiere beobachteten, keinen einzigen Seitensprung feststellen können. Stattdessen sahen sie Väter, die sich rührend um ihre Kleinen kümmern. Das ist eine wesentliche Begleiterscheinung genetischer Monogamie: „Wenn der Vater sicher sein kann, dass der Nachwuchs seine Gene trägt, dann lohnt es sich auch, viel in die Jungenaufzucht zu investieren“, sagt Maren Huck von der University of Derby.

 

Viele Tierarten machen es von den Umständen abhängig, wie treu sie sind. Sumpfschwalben (Tachycineta bicolor) etwa, die in Scharen leben, gehen vor allem in schlechten Zeiten öfter mal fremd. Aus evolutionärer Sicht könnte das dazu dienen, in der Not die genetische Variabilität der Schar zu stärken, um den Populationsengpass besser zu überbrücken.

 

Nun kennen die allermeisten Tierarten keine Gentests, Unsicherheit über die Vaterschaft ist daher sehr verbreitet. Dies führt mitunter zum Infantizid: In Tiergesellschaften, wo starke Alphamännchen sich einen Harem halten – bei Löwen etwa, Seeelefanten oder Pavianen – hat prinzipiell nur der Chef im Ring das Recht, sich mit den Damen zu paaren. Bekommt er Wind davon, dass ein Junges fremdgezeugt wurde, bringt er es um. Schafft es ein Rivale, den Chef zu töten oder zu vertreiben, dann tötet er oft auch den gesamten Nachwuchs des Harems, um dann seine eigenen Nachkommen zu zeugen. Die Damen lassen es geschehen – rächen sich mitunter aber mit einer List: In unbemerkten Momenten lassen sie sich trotzdem mit rangniederen Männchen ein – kopulieren jedoch weiterhin regelmäßig mit dem Clanoberhaupt, um die Schwangerschaft zu verschleiern. Ja, sie bieten sich diesem sogar an: Orang-Utan-Weibchen kopulieren pro Empfängnis bis zu 500 Mal, meist – aber nicht ausschließlich – mit dem Alphamännchen. Wer dann der Vater eines Jungen ist, weiß keiner so genau.

 

Prinzipiell bevorzugen die Weibchen in solchen Harems durchaus das Sperma des stärksten Männchens. Aber bei Damhirschen zum Beispiel stehen oft so viele Damen Schlange, dass einzelne eben doch den Seitensprung bevorzugen. Sonst kommen sie womöglich gar nicht dran, bevor der Alpha schlapp macht.

 

Gleichzeitig dient Sex dazu, Aggressionen der vor Testosteron strotzenden Männchen abzubauen und schmerzhafte Vergewaltigungen zu vermeiden. Sexuelle Nötigung ist im Tierreich weit verbreitet. Vor allem bei Arten, deren Männchen deutlich größer sind, aber auch bei anderen. Von Enten und Delfinen zum Beispiel gibt es Berichte über Gruppenvergewaltigungen, die bis zum Tode des Weibchens führten.

 

Oft tragen Weibchen übelste Verletzungen davon. Zu den brutalsten Vergewaltigern zählen Insekten. Die Männchen mancher Arten verfügen über schwert- oder lanzenartige Geschlechtsteile, mit denen sie die Weibchen regelrecht aufspießen. Die in Israel lebende Spinne Harpetica sadistica macht da ihrem Namen alle Ehre. Noch gruseliger tut es die Gemeine Bettwanze, die in unser aller Betten haust: Sie sticht ihren großen spitzen Penis einfach irgendwo in den Körper des Weibchens, manchmal sogar durchs Auge in den Kopf. Ganz egal solange das Weibchen überlebt, die Spermien finden dann den Weg zu den Eizellen. Die männliche Blumenwanze sticht und besamt auf diese Weise auch Geschlechtsgenossen. Studien deuten darauf hin, dass diese bei ihrer eigenen nächsten Begattung eines Weibchens auch die Spermien des Ursprungstäters weitergeben. Evolutionär ergibt das also Sinn. Jedenfalls haben die Weibchen mancher Wanzenarten schon gar keine Vagina mehr – sie wird ja eh nicht genutzt.

 

Brutal ist auch das Liebesspiel der Schnecken: Sie sind Zwitter, haben also männliche und weibliche Geschlechtsteile zugleich, und müssen daher erst einmal austragen, wer welche Rolle übernimmt. Eindeutig beliebter ist die des Männchens, weil sie – wie so häufig – weniger Energieaufwand pro Nachkommen bedeutet. Und seltener tödlich endet. So gleicht der Balztanz der Hinterkiemerschnecke Siphopteron quadrispinosum, die im Wasser lebt, einem Ringkampf mit Florettfechten: Wer mit seinem Penis zuerst ordentlich zusticht, ergattert die Männerrolle. Wobei der Penis an der Spitze Stacheln hat und an der Basis Widerhaken, um sich in der Vagina zu verankern – nicht selten auch im Bauch oder in der Stirn. Jedenfalls hat dann der Samen Zeit zu fließen. Evolutionär haben die oft heftigen Verletzungen des unterlegenen Tiers auch Vorteile – zumindest für den Partner: Wer geschwächt ist und seine Energie für die Wundheilung aufwendet, hat keine Kraft, sich mit anderen zu paaren.

 

Die Prachtsternschnecke Chromodoris reticulata macht es noch anders: Sie bricht ihren Penis sogar im Körper des Partners ab, damit der Samen ungestört fließen und niemand anderes hinterherschießen kann. Seinen Penis erneuert das Tier dann binnen eines Tages, indem es einfach ein neues Stück aus dem Körper nachführt. Dort liegt Nachschub bereit, zusammengerollt wie Toilettenpapier. Der Nacktkiemer Aeolidiella glauca, eine weitere Wasserschneckenart, legt seine Samenflüssigkeit einfach auf dem Rücken des Partners ab. Diese ist so aggressiv, dass sie die Haut durchätzt und in den Organismus gelangt, wo die Spermien den Weg zu den Eizellen finden.

 

Landschnecken beginnen das Martyrium sogar schon vor dem Geschlechtsakt. Sie schießen sogenannte Liebespfeile auf den Partner, um ihn bzw. sie mit den enthaltenen Chemikalien empfänglicher für das Sperma zu machen. Diese Pfeile gleichen mitunter eher Speeren, erreichen ein Drittel der Gesamtlänge des Schneckenfußes. Mit etwas Pech treffen sie lebenswichtige Organe, und der Partner stirbt.

 

Apropos Chemie: Der Samen mehrerer Tierarten enthält spezielle Substanzen, um das Weibchen zu manipulieren. Mal schwächen sie das Immunsystem, damit dieses die Spermien nicht als Fremdkörper bekämpft. Mal wirken sie selbst spermizid, um fremdes Sperma von Rivalen abzutöten. Mal gerinnen sie zu Pfropfen, die den Vaginaltrakt verstopfen und kein anderes Sperma mehr hereinlassen. Mal wirken sie auch antibakteriell oder bieten besonderen Nährwert für das Weibchen. Oder sie bewirken, dass das Weibchen anschließend die Lust auf Sex verliert und keine anderen Partner mehr sucht. Taufliegen und auch Haushähne variieren die Inhaltsstoffe ihres Spermas sogar – je nachdem, ob das Weibchen zuvor begattet wurde und wie attraktiv es ist.

 

Oder die Masse macht‘s: Käfer der Art Bruchidius dorsalis beglücken das Weibchen mit einer Spermamenge, die sieben Prozent des eigenen Körpergewichts entspricht. Bei einem Mann wären das gut fünf Kilo. Die enthaltenen Nährstoffe halten das Weibchen eine ganze Weile über Wasser. Außerdem spült die Spermaflut den Samen möglicher Rivalen aus ihr heraus.

 

Wer nun denkt, Weibchen seien meist die Leidtragenden, hat nicht Unrecht. Aber die Damen haben, wie vereinzelt bereits angedeutet, oft Gegenstrategien entwickelt. Dazu zählt jetzt nicht, dass bei Spinnen und Gottesanbeterinnen die Weibchen ihren Stecher oft als kleinen Snack danach teilweise oder auch ganz verspeisen. In diesen Fällen sind die Männchen ja die kleineren und meist nur zu ein oder zwei Begattungen imstande – danach also ohnehin zu nichts mehr nutze. Hier kann man höchstens über deren Gegenstrategie sprechen: Zur Paarung bringen sie Brautgeschenke in Form von in Seide verpackter Beute mit. Während das Weibchen auspackt und frisst, können sie es begatten und mit etwas Glück anschließend noch fliehen. Manche Radnetzspinnen trennen sich auch einfach von ihrem Penis und lassen ihn im Weibchen stecken. Dann läuft die Besamung weiter, während sie schon das Weite suchen und für die nächste Begattung auf ihren Zweitpenis zurückgreifen.

 

Gemeint sind hier aber eher zum Beispiel Haushühner, die häufig von verschiedenen Hähnen zum Sex gezwungen werden. Sie haben in ihrem Körper eine Art Samenbank mit Behältern, in denen sie das Sperma der Partner getrennt voneinander sammeln und gezielt abstoßen können, wenn ihnen einer überhaupt nicht gepasst hat. Bei vielen Tierarten haben sich die Weibchen ein ähnliches Prinzip der Samenspeicherung und Selektion angeeignet. Entenweibchen haben eine spezielle Genitalstruktur, die sie fest verschließen können, so dass allzu üble Vergewaltiger nicht mehr eindringen können. Weibliche Tüpfelhyänen und Elefanten bilden einen Pseudopenis aus, der dem männlichen Penis nicht unähnlich ist. Wer sie begatten will, muss nett zu ihnen sein, denn ohne dass sie ihren Penis zunächst einstülpen, ist da nichts zu machen.

 

So brutal viele dieser Sexpraktiken klingen, und auch wenn der ein oder andere Akt mal ins Auge geht – in den meisten Fällen haben Biologen erkannt, dass sie unterm Strich dennoch die Chance auf überlebensfähigen Nachwuchs steigern. Sie nennen das auch „genetische Fitness“. Das gilt übrigens ebenso für Selbstbefriedigung und Homosex. Diese Praktiken sind im Tierreich nicht weniger üblich als bei uns Menschen.

 

Lange Zeit blieb rätselhaft, inwiefern sie zur genetischen Fitness beitragen, da sie doch zu keinerlei Nachwuchs führen. Inzwischen haben Forscher gleich mehrere gute Gründe gefunden: Wer sich selbst befriedigt, baut Stress ab, hält sein Sperma frisch und bleibt allzeit bereit. Manche Meerechsen haben sogar Spermataschen, die sie durch Masturbieren füllen. So haben sie beim Geschlechtsakt den Samen sofort einsatzfähig. Auch Pferde und Tapire masturbieren, indem sie ihre langen Penisse gegen den Bauch schlagen. Und Primaten – Männchen wie Weibchen – benutzen dabei sogar Sexspielzeug. Im Zoo von Honolulu wurde einmal ein Schimpansenmann dabei beobachtet, wie er einen Frosch als Pseudo-Vagina missbrauchte. Leider überlebte der Frosch das nicht.

 

Auch Homosex kann einen sexuell bei Laune halten, falls mal kein Partner des anderen Geschlechts zu finden ist. Darüber hinaus helfen die Schwulitäten insbesondere unter Männchen, Konflikte zu vermeiden oder sich zu versöhnen und Bindungen im Clan zu stärken. Manche Männchen machen auch Sex statt sich zu prügeln, um so die Hierarchie zu etablieren. Oder Männchen sind rar, und die Weibchen tun sich zusammen für die Aufzucht von Jungen, für die sie sich zuvor nur kurz eine Samenspende abholen. Selbst wenn genügend Sexpartner vom anderen Geschlecht zur Verfügung stehen, entscheiden sich einige Tiere ab und zu für eine Homo-Ehe – männliche Dickhornschafe und Zügelpinguine beispielsweise. „Es wäre schwierig, eine Tierart auf diesem Planeten zu finden, die NICHT auf irgendeine Weise homosexuelles Verhalten zeigt“, sagt Carin Bondar. „Es ist allgegenwärtig und wichtig für mehrere Aspekte der heterosexuellen Funktionsfähigkeit.“

 

Und manchmal, so Bondar, bereitet Sex auch bei Tieren scheinbar einfach nur Vergnügen. Männliche Berggorillas etwa haben in Situationen untereinander Sex, in denen Forscher keinen evolutionären Vorteil erkennen konnten. Bei weiblichen Primaten konnten Biologen während des Aktes Anzeichen wie plötzlich erhöhte Atem- und Herzfrequenz messen, die auf einen Orgasmus hindeuten. Weibliche Spitzmaulkärpflinge (Poecilia sphenops) bevorzugen Männchen mit Hautanhängseln am Oberkiefer, die einem Schnurrbart ähneln. Diese erfüllen offenbar keinen biologischen Zweck – könnten aber beim Weibchen für eine angenehme Stimulation sorgen, wenn das Männchen vor der Kopulation an ihrem Genital knabbert. Jedenfalls bevorzugen Weibchen die Schnurrbartträger. Carin Bondar nennt das die „Magnum“-Hypothese, frei nach der TV-Serie mit dem gutaussehenden schnauzbärtigen Privatdetektiv. Weibliche Ohrenkneifer bevorzugen bei Männchen, die absolut gleich fit sind, den mit dem längeren Penis, obwohl der Akt bei diesem länger dauert. Die Forscher, die das herausgefunden haben, vermuten, dass ein längerer Penis intensiver stimuliert. Mit anderen Worten: Es kommt eben doch auf die Länge an.

 

Auch unter Tieren gibt es beim Sex also nichts, was es nicht gibt. Am allergeschicktesten aber stellt sich vielleicht die männliche Trauersepia (Sepia plangon) an. Wie manch andere Tintenfischart kann sie ihre Farben je nach Stimmung oder Umständen gezielt wechseln. Männliche Riesensepien (Sepia apama) nutzen das, um sich unter Rivalen als Weibchen zu tarnen und so Konflikte zu vermeiden. Die Trauersepia ist noch schlauer: Schwimmt ein Männchen zwischen einem Rivalen und einem Weibchen, so zeigt es dem Rivalen sein weibliches Tarnkleid, dem Weibchen auf der anderen Seite aber gleichzeitig das prächtige Balzkleid. Und wenn das Werben erfolgreich ist, erfolgt einvernehmlicher, völlig gewaltfreier Sex. So sehen wir Menschen es am liebsten – die meisten zumindest.

 

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